Christkinder des Schleifer Kirchspiels segnen

STRUGA - Das Magazin für die Bürger der Region Schleife, Niederschlesischer Oberlausitzkreis12/2018

Seit Jahrhunderten pflegen die Sorben des Schleifer Kirchspiels die Überlieferung des Christkindes. Für diejenigen, die diese Figur bekleiden dürfen, ist es eine große Ehre. Um das Wissen und vor allem die Ausführungen für das richtige Ankleiden des Christkindes zu erhalten, hat der Verein Kólesko nun ein Buch herausgebracht.

Erwartungsvolle Stille erfüllt die Straße in denen das Christkind mit zwei Begleiterinnen einkehrt und mit dem Glöckchen klingelnd mehrmals ihre Ankunft ankündigt. Während eine Begleiterin mit der Laterne stets voraus geht und mit dem Licht durchs Dunkel führt, schreitet das Christkind hinterher. Betritt es einen Raum, verneigt es sich schweigend dreimal und durchschreitet den Raum mehrmals klingelnd, bevor es Anwesende segnet und beschert. Mit dem rechten Handrücken streichelt es dreimal sanft über die Wangen und mit der Lebensrute berührt es leicht die Schulter eines Jeden. Die erwartungsfrohen Kinder beschenkt eine der Begleiterin mit Süßigkeiten, Äpfeln oder Nüssen. Dabei spricht das Christkind kein Wort. Sich wieder verneigend verlässt es nach den Überlieferungen im Anschluss wieder den Raum mit den zwei Begleiterinnen, um das nächste Haus aufzusuchen. „Für mich war es eine richtig große Ehre in zwei Jahren die Figur des Christkindes in Schleife darzustellen“, meint Rebecca Rathner aus Schleife.

Mit einem Schleier verdeckt

Die heute 16-Jährige lebt traditionsbewusst, so war es schon sehr lange ihr Wunsch im Kirchspiel Schleife auch das Christkind mal darzustellen. In den Jahren 2016 und 2017 ging ihr Wunsch in Erfüllung. „Diese Darstellung ist etwas Besonderes. Ich habe es gerne und mit dem nötigen Ernst gemacht. Wenn man das Christkind darstellt, sollte man sich auch mit der Tradition dahinter beschäftigen“, meint sie. So hat sie ihre Handlungen und ihre Haltung eingeübt. Auch bestimmte Kopfbewegungen werden trainiert. Gesten und Mimiken brauchte sie nicht proben, denn das Gesicht des Christkindes ist mit einem Schleier verdeckt. Denn von dem Gesicht kann am leichtesten ein böser Zauber ausgehen. Es wird aber auch als Zeichen von Übersinnlichkeit gedeutet. Schießlich stellt das Christkind keine irdische Gestalt dar.

Zur Herkunft und Entstehung sowie zur Entwicklung der Überlieferung des Christkindes hat der Verein Kólesko nun ein Buch herausgegeben, dass sich rund um das Dźĕćetko dreht. Auf 215 Seiten wird der Brauch in vielen Einzelheiten beschrieben. Die Autoren Hartmut Hantscho und Elvira Rathner haben sich vier Jahre mit dem Thema intensiv beschäftigt und zu Papier gebracht. „Da es zuvor noch keine ausreichenden und zusammenhängenden Information gab, haben wir uns entschlossen den Brauch so detailliert wie nur möglich kompakt in einem Buch zu dokumentieren“, meint Hantscho, der zum Inhalt des Brauchs recherchierte. Elvira Rathner, die sich seit ihrer Jugend auch für die sorbischen Trachten interessiert, forschte in dieser Zeit zum Hauptteil des Buches - der Tracht des Christkindes: „Das Ziel war eine detaillierte und anschauliche Anleitung zum Ankleiden der Tracht der acht Christkinder des Kirchspiels Schleife“, erzählt Rathner. Daher trägt das Buch auch den Titel „Gładźarnica“, was aus dem Sorbischen übersetzt soviel wie Ankleidefrau bedeutet. „Es gibt inzwischen immer weniger Ankleidefrauen und somit geht immer mehr ein Stückchen Wissen darüber verloren“, fügt Hantscho an.

Der Kólesko-Verein plant noch zwei Bücher zum Thema Ankleiden von Trachten herauszugeben. Mit allerlei großen und anschaulichen Fotografien von Fotografen wie Karsten Nitsch wurde das erste Buch der dreiteiligen Buchreihe bebildert.

Da die Christkind-Tracht in jedem sorbischen Dorf etwas anders ausfällt, recherchierte Elvira Rathner vor Ort in möglichst allen Dörfern des Schleifer Kirchspiels wie Mulkwitz, Mühlrose, Groß Düben und Trebendorf zu den Trachten. „Die Klein Trebendorfer Tracht stellt bis heute eine Besonderheit dar, denn diese Tracht wird heute kaum mehr gezeigt, da Klein Trebendorf heute Bestandteil der Gemarkung Trebendorf ist “, meint Rathner. Auch in dem Dorf Schleife gibt es eine Besonderheit: „Dort wird jeweils am ersten Advent eines Jahres das Christkind in der Schleifer Kirche eingesegnet“, erklärt Rathner. Die evangelische Kirche unterstützt somit den tief mit dem religiösen Glauben verwurzelte Tradition. „Da ein jedes Christkind die Ortsgrenzen jedoch nicht verlassen kann und in den anderen Dörfern des Kirchspiels keine Kirchen stehen, wird die Einsegnung nur in Schleife praktiziert“, fügt Hantscho abschließend an.

ang


Projekte

Gladźarnica: Die Schleifer Tracht – Teil 1: Dźěćetko

Ein spezielles Betätigungsfeld unseres Vereins ist die Pflege und Erhaltung der traditionellen regionaltypischen sorbischen Trachten in ihrer ursprünglichen Art und Weise.

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