Jesu Auferstehung verkünden

Sächsische Zeitung19. April 2019


Fotos: Karsten Nitsch - Spreefotograf

Die Tradition des Ostersingens lebt im Kirchspiel Schleife durch die junge Generation weiter.

Schleife. Fünf Uhr früh am Morgen, kurz vor Sonnenaufgang, sammeln sie sich an der Schleifer Kirche: Frauen und Mädchen in sorbischer evangelischer Schleifer Halbtrauertracht verkünden symbolisch an den Singebänken die frohe Botschaft der Auferstehung Jesu Christi. Sie singen in Schleifer Sorbisch immer wieder Kirchenlieder, Osterlieder und Auferstehungschoräle wie „Na prěnim dnju po soboće“ (Am ersten Tag nach Sonnabend). 

„Die Tracht muss genau stimmen. Ein grüner Rock, weiße Schürze, dicke schwarze Jacke, grüne Haube, weiße Kinnschleife, die lapa (schwarzes Wolltuch) und ein schwarzes Stirnband als Zeichen der Trauer in der Passionszeit gehören dazu. Es ist die über Jahrhunderte überlieferte typische Halbtrauertracht bei uns im Schleifer Kirchspiel“, sagt Elvira Rathner, Mitglied im Verein Kólesko (Spinnrad). Seit 2014 pflegt der Verein die Tradition des Ostersingens.

„Wann der Brauch ursprünglich entstand, ist nicht nachweisbar“, sagt Vorsitzender Hartmut Hantscho. „Tatsache ist: das Singen stammt aus der Zeit der Flurbegehung. Es ging um das Abschreiten und Abstecken der Felder. Die erste nachweislich niedergeschriebene Grenzfestlegung der Flure bei uns im Kirchspiel Schleife geschah im Jahr 1864 im Zuge der Regulierung der gutsherrlichen, bäuerlichen Verhältnisse zwischen dem Besitzer der Standesherrschaft Muskau und den bäuerlichen Wirten zu Schleife.“ Das Singen, so betont er, prägte nicht nur Ostern, sondern das gesamte Kirchenjahr. Zu vielen Anlässen sangen die jungen Mädchen. „Das begann in der Fastenzeit, setzte sich fort in der Passionszeit und zu Ostern und reichte bis zu den Abenden im Herbst in der Spinte“, sagt Elvira Rathner. „Es wurde zu Hochzeiten, bei der Feldarbeit, bei der Ernte oder bei Trauerfällen gesungen.“ Im Singen, so verdeutlicht sie, liegt etwas tief Religiöses und Verbindendes. Davon zeugt auch die Tradition Ostersingen. Mathäus Handrik, 1892 bis 1934 Pfarrer in Schleife, schrieb um 1900 darüber. Mit 18 Jahren, so vermerkte er, traten die jungen Frauen in die Singegemeinschaft des jeweiligen Ortes ein. Mit 28 Jahren traten sie wieder aus. Wer „unehrenhaft“ war (zum Beispiel ein uneheliches Kind hatte), durfte nicht mitsingen. In jedem Ort des Kirchspiels war der Brauch des Ostersingens fest verwurzelt. Es gab feste Routen. Es gab genaue Vorgaben für die Lieder. Von Mitternacht an bis in den frühen Morgen hinein sangen die Frauen vor jedem Haus. An den Singebänken hielten sie zum Abschluss inne. Dort endete traditionell das Ostersingen. „Jedes Dorf hatte seine eigenen Singebänke“, sagt Hartmut Hantscho. „Allein in Schleife gab es – bedingt durch die Größe des Ortes – zwei kleine und zwei große Gruppen. Stets führte eine Kantorka (Vorsängerin) die jeweilige Gruppe an. Kantorka wurde jene Frau, die am besten singen konnte, anstimmen konnte und die Liedtexte sicher beherrschte.“ Bis 1956 – mit Unterbrechung in den Kriegs- und Nachkriegsjahren – lebte der Brauch des Ostersingens in Schleife. Stets freuten sich die Einwohner darauf. „In jenen Häusern, wo sich ein «freudiges Ereignis» ankündigte, wurde etwas mehr gesungen. In jenen Häusern, wo es Trauerfälle gab, wurde kein Halleluja gesungen. So wurde es durch Pfarrer Handrik um 1900 überliefert“, sagt Hartmut Hantscho.

Anfang der 90er-Jahre wiederbelebt

1993 wurde der Brauch in Rohne wieder- belebt. Die Initiative kam von Lenka Noack, Lehrerin im Ruhestand. Mit 13 Frauen hatte sie im November 1990 die Gesangsgruppe „Schleifer Kantorki“ gegründet. Seit 1993 pflegten sie Jahr für Jahr den Brauch des Ostersingens kontinuierlich. Vor rund 20 Häusern in Schleife und in Rohne sangen sie in der Osternacht. Kurz nach dem letzten Läuten der Kirchenglocken begannen sie in Schleife bei Karl-Heinz Lehnigk. Früh am Morgen endeten sie in Rohne an den Singebänken. Es folgte stets die Auferstehungsfeier in der Rohner Friedhofskapelle. „Das Ostersingen ist gelebtes evangelisches Brauchtum. Mit Osterliedern und Kirchenliedern in Schleifer Sorbisch verkünden wir die Botschaft «Jesus ist wahrhaftig auferstanden»“, schilderte Gertrud Hermasch aus Rohne, Mitgründerin der Schleifer Kantorki und bis heute für das Ostersingen aktiv, im Jahr 2015 im Rückblick. Zusammen mit Elvira Rathner sorgt sie sich um die Pflege, die Aufbewahrung und das Ankleiden der Schleifer Tracht für das Ostersingen.

Gute Aussprache, sicheres Auftreten

Gertrud Hermasch kennt den Brauch seit früher Kindheit. Mit fünf Jahren lauschte sie als Mädchen am Fenster den Sängerinnen. Das prägte sich tief in ihr ein. „Damals sangen die Mädchen vor jedem Haus. Ihr Alter reichte von der Konfirmandin bis zur künftigen «Hochzeiterin»“, schilderte die Rohnerin 2015 im Rückblick. Auf gute Aussprache, auf Sicherheit in der Melodie und auf Sicherheit im Auftreten legten die Schleifer Kantorki stets Wert. Heute besteht die Gruppe nicht mehr.

2013 musste das Ostersingen krankheits- und kältebedingt ausfallen. „2014 gab es nur noch vier Kantorki, die das Ostersingen durchführen konnten. Unser Verein Kólesko stieß mit drei Frauen hinzu“, erinnert sich Elvira Rathner. 2015 sangen neben den Erwachsenen Gertrud Hermasch, Marie Hentschel, Annemarie Hein, Elvira Rathner, Petra Nakoinz, Katrin Kluge und Anke Fischer mit Kimberly Stuckas, Rebecca Friemel, Anne Berton und Rebecca Rathner erstmals vier Konfirmandinnen mit. Pfarrerin Jadwiga Malinkowa stellte Kontakt zu den Jugendlichen her. „Danach stellte ich fest, dass wir etwas ändern müssen, wenn der Brauch weiterleben und auch für die junge Generation attraktiv bleiben soll“, sagt Elvira Rathner. 2016 fand kein Ostersingen statt. 2017 folgte der Versuch eines Neuanfangs. Am Ostermorgen um 5 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang, trafen sich die Ostersängerinnen direkt an der Schleifer Kirche. Dort standen früher die Singebänke. Dort sangen die Frauen jetzt eine Stunde intensiv Osterlieder, Kirchenlieder und Auferstehungs-Choräle. Mit Rebecca Rathner (aus Schleife), Johanna Klauke (aus Groß Düben) und Leonie Wendel (aus Rohne) nahmen erneut drei Jugendliche teil. Von den Erwachsenen sangen Marie Hentschel (aus Trebendorf), Gertrud Hermasch (aus Rohne), Elvira Rathner (aus Schleife), Petra Nakoinz (aus Schleife), Juliana Kaulfürstowa (aus Dresden), Carolin Markowski (aus Neustadt Spree) und Anke Fischer (aus Schleife) mit. „Dieser Neuanfang – konzentriert auf diese eine Stunde – war intensiv und gelungen. Er hat uns tief berührt. Nach dem Singen nahmen wir in Rohne auf dem Friedhof an der Auferstehungsfeier in der Kapelle teil“, erzählt Elvira Rathner. 2018 waren die drei Jugendlichen erneut mit dabei. Mit Laura Berton aus Schleife kam sogar noch eine weitere Schülerin hinzu. „Der Kern des Brauchs – die Verkündung der Auferstehungsbotschaft – bleibt gewahrt. Durch das einstündige Singen direkt an der Schleifer Kirche können auch Interessierte das Ostersingen miterleben“, sagt Elvira Rathner und unterstreicht: „Es ist jedoch kein Auftritt. Zwar ändert sich die Form, nicht jedoch der Kern des Brauchs. Er bleibt eine stille Andacht. Er bleibt Verkündigung der frohen Botschaft der Auferstehung. Mein Herzenswunsch ist, dass wir Erwachsenen zusammen mit den Vorkonfirmandinnen den Brauch Jahr für Jahr weiterpflegen. So führen wir die Jugendlichen künftig frühzeitig an die Tradition heran. Das Ostersingen soll eine Ehre und Würde für sie sein.“

Noch 2019 will der Verein Kólesko in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirchgemeinde Schleife ein Gesangbuch mit Kirchenliedern herausgeben. Enthalten soll es rund 50 Lieder, darunter auch 15 Oster- und Passionslieder, die die Frauen am Ostermorgen an der Schleifer Kirche singen können. Schleifes Pfarrerin Jadwiga Malinkowa unterstützt das Anliegen, die Tradition weiterzuführen. „Wenn ich ganz früh am Morgen, wenn es noch dunkel ist, die Stimmen der Ostersängerinnen höre, dann beginnt für mich Ostern. Denn der ganze Ostertag ist dann sehr voll mit Gottesdiensten und Begegnungen. Doch der Moment am Ostermorgen mit den Ostersängerinnen ist für mich die schönste Verkündigung der Osterbotschaft: feierlich, behutsam und berührend“, unterstreicht sie. „Ich freue mich, dass sich jedes Jahr auch einige junge Mädchen dafür begeistern können. So erlernen sie die sorbischen Choräle ihrer Großmütter und tragen die Tradition weiter.“

 Andreas Kirschke


Projekte

Das Ostersingen

Durch die Frauengesangsgruppe Kantorki wurde 1992 ein tief religiöser Brauch wieder belebt, der Mitte der 50er Jahren in unserem Kirchspiel zwar verschwand aber im Bewusstsein der wendischen Einwohner stets haften blieb.