Warum Sorben und Wenden das „Bescherkind“ eher ablehnen

LAUSITZER RUNDSCHAU Online22.12.2018

Schleife/Hoyerswerda. Im Advent wünscht eine sorbische Figur den Menschen Glück und Segen. Aber wie wird sie korrekt genannt? Christkind oder Bescherkind? Von Torsten Richter-Zippack

„Dźěćetko“ nennen es die Sorben/Wenden, Christkind die Deutschen. Oder aber Bescherkind. Über die Bezeichnung dieser sorbischen Figur gibt es unterschiedliche Auffassungen in der Lausitz. Alljährlich wenn es auf Weihnachten zugeht, taucht in manchen Dörfern um Hoyerswerda, im Schleifer Kirchspiel sowie in Jänschwalde (Spree-Neiße) ein Trio in farbenfrohen, reich verzierten sorbischen Trachten auf. „Das Christkind geht mit seinen beiden Begleiterinnen um“, heißt es dann unter den Einheimischen. Tatsächlich schreitet das Christkind, dessen Gesicht stets verhüllt wird, in seinem Heimatdorf stumm von Gehöft zu Gehöft beziehungsweise von Mensch zu Mensch. Es streichelt die Wangen und berührt mit seinem Birken- oder Ginsterzweig, der Lebensrute, die Schulter seines Gegenübers. Auf diese Weise werden Glück und Segen gewünscht. Anschließend gibt es von den Begleiterinnen ein kleines Präsent.

Begriff aus DDR-Zeiten

„Es handelt sich natürlich um unser Christkind“, sagt Elvira Rathner, die erst Ende November mit ihrem Schleifer Verein „Kólesko“ ein über 200 Seiten starkes Buch über diesen Brauch im Kirchspiel Schleife herausgegeben hat. Den in der Lausitz bislang ebenfalls existierenden Begriff „Bescherkind“ lehnt die bekennende Sorbin dagegen ab. „Mich stört diese Bezeichnung sehr, auch wenn es Menschen gibt, die das Bescherkind nicht schlimm finden.“ Tatsächlich, so haben Rathner und ihr Bruder Hartmut Hantscho recherchiert, muss der von ihnen ungeliebte Begriff zu DDR-Zeiten entstanden sein. „Das Bescherkind wurde damals erdacht, um den christlichen Bezug zu verleugnen“, sagt Elvira Rathner. „Schließlich wurden selbst Weihnachtsengel als „Jahresendflügelfigur“ bezeichnet.

Alljährlich wird am ersten Advent das Schleifer Christkind in der Kirche eingesegnet. „Schließlich ist die eigentliche und ursprüngliche Funktion dieser Figur das Segnen“, erklärt die Schleifer Pfarrerin Jadwiga Mahling. Auch für sie stammt das „Bescherkind“ aus sozialistischen Zeiten, in denen jeglicher christlicher Bezug verpönt war. „Der Fokus wurde stattdessen stärker auf Bescherung und Folklore gelegt. Dies hat sich teilweise bis heute erhalten, siehe das Stollenanschneiden durch das Christkind in Hoyerswerda auf dem Weihnachtsmarkt.“

Brauch lebendiger denn je

In der Stadt an der Schwarzen Elster scheint das Bescherkind jedoch lebendiger als anderswo in der Lausitz. Kirsten Böhme vom Trachtenhaus Jatzwauk sagt aber, dass seit den 1990er-Jahren wieder der sorbische Begriff „Bože dźěćatko“, wörtlich übersetzt „das Kindchen“, bekannter gemacht wird. „Auch wenn es für die Deutschen ein Zungenbrecher ist“, wie sie anmerkt. Der Brauch sei lebendiger denn je. „Meine Großmutter hat diese Tradition in Hoyerswerda in Zusammenarbeit mit Partnern im Jahr 1991 wiederbelebt. „Heute gehen die Bescherkinder regelmäßig in Zeißig und neuerdings auch in Schwarzkollm.“

Werner Böhme, ebenfalls vom Trachtenhaus Jatzwauk, sagt indes, dass das Christkind unter den evangelischen Sorben verankert sei. Im Sorbischen gebe es für die Figur nur eine Bezeichnung im Deutschen zwei. Der Begriff Bescherkind sei erst nach dem Jahr 1945 aufgrund der offiziell angeordneten Abkehr von der Kirche entstanden. Durch wen und wann genau dies passierte, lasse sich heute kaum mehr nachweisen.

Die Domowina als Dachverband sorbischer Vereine sagt, dass der Brauch für dasjenige Kirchspiel, indem er gepflegt wird, eine große Bedeutung habe. „Wir respektieren die jeweils regional übliche Bezeichnung“, sagt Domowina-Sprecherin Bärbel Felber.

Der einzige Niederlausitzer Ort mit einem sorbischen/wendischen Christkind ist Jänschwalde. „Die Älteren haben nie den Begriff Bescherkind verwandt“, sagt Nadine Adam, Leiterin des Wendisch-Deutschen Heimatmuseums. Sie weiß von vielen Gesprächen mit Einheimischen, dass sich viele Leute über den leichtsinnigen Umgang mit den beiden Bezeichnungen ärgern.

Immerhin: „Die Erinnerung ans Jänschwalder Christkind reicht bis ins Jahr 1876 zurück. Aber der Brauch dürfte viel älter sein“, sagt Adam. Im örtlichen Museum ist mittlerweile auch eine Figur des Christkindes zu finden. Das echte war früher immer am Mittwoch vor Heilig Abend im Ort unterwegs, heute sind es die frühen Abendstunden des dritten Advents. Auf das Bescherkind warte in Jänschwalde niemand, aber viele auf das Christkind.

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