Neues Gesangbuch mit Chorälen im Schleifer Sorbisch

Pomhaj BóhJanuar 2020

Gespräch mit Juliana Kaulfüst und Hartmut Hančo vom Schleifer Kólesko-Verein

“Něnter comy Boga chwalić – Slěpjańske spiwarske knigły” – so heißt der Titel des Kirchengesangbuchs im Schleifer Sorbisch, das der Kólesko-Verein jetzt in Schleife herausgibt. Was kann der Nutzer darin finden?

JK: Das neue Schleifer Gesangbuch enthält 50 Choräle sowie Gebete und Psalmen, die für das Schleifer Kirchspiel von der Tradition her immer wichtig waren. Zugleich hatten wir die Kirchgemeindenachmittage und die Feste im Blick, bei denen mit Freude gemeinsam gesungen wird, und deshalb haben wir einige Volkslieder mit einbezogen, die im Schleifer Liederbuch “Daj mi jeno jajko” noch nicht veröffentlicht sind.
Außerdem findet der Leser ein Vorwort, in dem die Bedeutung des Kirchengesangs in Schleife kurz beschrieben wird. Das ist aber nur ein erster Eindruck, sozusagen ein Vorgeschmack auf die Thematik. Zum Jahresende 2020 erscheint der 2.Teil des “Trachtenbuches”, und darin werden alle Varianten der Kirchgangstracht und die dazugehörigen Kirchentraditionen gesondert dargestellt. Das neue Gesangbuch ist illustriert, die Zeichnungen sind von dem Rohner Künstler Jörg Tausch. Wir möchten aber auch auf die kleine Aussprachehilfe für das Schleifer Sorbisch und einige Erklärungen zu dieser Mundeart am Ende des Buches hinweisen.

Das Gesangbuch ist in Kapitel gegliedert, die sich am Ablauf des Kirchenjahres orientieren. Welche Kapitel sind das?

HH: Die Kapitel unseres Gesangbuches sind nach den Festen bzw. Feiertagen des liturgischen Kalenders gegliedert, die heute im sorbischen Schleifer Kirchgemeindeleben den größten Anteil ausmachen, was da sind: Advent, Weihnachten, Epiphanias, die Passionszeit, Ostern, Pfingsten und Trinitatis. Weitere Lieder der zweiten Jahreshälfte haben wir in den Kapiteln “Dank und Lob” und “Abschluss des Kirchenjahres” zusammengefasst. Es folgen “Gebete und Psalmen” sowie volkstümliche Lieder unter dem Titel “Wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind”.

Woher stammen die einbezogenen Choräle – aus deutschen und sorbischen Kirchengesangbüchern oder aus weiteren Quellen?

Den Kern bildet die Sammlung von Hanzo Šymko aus Schleife, die 1884 herausgegeben wurde, die vor allem Oster-, Passions und Dankeschoräle enthält. Bei weiteren Chorälen handelt es sich um Übersetzungen aus ober- und niedersorbischen sowie deutschen Gesangbüchern verschiedener Ausgaben. Außerdem liegen uns Aufnahmen von Schleifer Sängerinnen aus den vergangenen Jahrzehnten sowie Aufnahmen von Gebeten und Psalmen vor, aus denen wir ebenfalls schöpfen konnten.

Wer war an der Erstellung der Gesangbücher beteiligt und wie lange wurde daran gearbeitet?

Šymkos Choräle haben wir als Kólesko-Verein bereits 2014 bearbeitet, um einige davon in das Repertoire unserer Gesangsgruppe aufnehmen zu können. Seit dieser Zeit haben wir weitere übersetzt, durchgesehen, recherchiert; das neue Gesangbuch ist also das Ergebnis der Arbeit in den vergangenen fünf bis zehn Jahren. Denn als Verein und Musikgruppe wollten wir unsere Bemühungen für das Schleifer Sorbisch konsequent fortsetzen.
Uns hat vor allem Dr. Heinz Richter aus Leipzig zur Seite gestanden, der die Gebete und Psalmen übersetzt und die Choralübersetzungen von Juliana Kaulfürst gewissenhaft korrigiert hat. Einige der Choräle haben wir von Dieter Reddo aus seiner Privatsammlung übernommen. Ein Kirchengesangsbuch ist immer ein religiöses sowie ein Musikbuch.

Waren an der Erstellung des Schleifer Gesangbuches auch Theologen und Kirchenmusiker beteiligt?

Mit Jadwiga Mahling haben wir in Schleife eine Pfarrerin, die Sorbisch in den Gottesdiensten, bei Gemeindenachmittagen und Besuchen der Gläubigen in den Schleifer Dörfern bewusst und gern verwendet. Auch sie hatte den Wunsch, Choräle und Gebete im Schleifer Sorbisch vorliegen zu haben und sie hat uns eine Liste der Choräle aufgeschrieben, die die Grundage des Kirchenjahres bilden. Kirchenmusiker waren nicht einbezogen. Der Leiter der Gesangsgruppe des Kólesko-Vereins Gerald Schön verfügt aber über langjährige Erfahrungen auf dem Gebiet der Kirchenmusik. Er hat den Notensatz geschrieben und die musikalische Seite des Buches gestaltet.

Seit 2007 gibt es ein neues niedersorbisches Kirchengesangbuch, in dem auch einige Lieder im Schleifer Sorbisch enthalten sind. Seit 2010 gibt es auch ein neues obersorbisches Gesangbuch. Jahrhundertelang war im Schleifer Kirchspiel das obersorbische Gesangbuch in Gebrauch. Wozu ist im Jahre 2020 ein eigenes Gesangbuch im Schleife Sorbisch notwendig?

JK: Der Bedarf ist gegeben. Auf der einen Seite für unseren Verein, um bei den Gottesdiensten und zu kirchlichen Festen im Schleifer Sorbisch singen zu können, zumal das Ziel des Kólesko-Vereins in der Pflege und Anwendung des Schleifer Sorbisch besteht. Auf der anderen Seite ist das ein Wunsch vor allem der älteren Schleifer Gläubigen. Es stimmt, dass in Schleife immer das obersorbische Gesangbuch verwendet wurde. Aber wenn man sich die alten Tonaufnahmen zum Beispiel von den Ostersängerinnen anhört, dann stößt man auf etwas sehr Interessantes: Sie haben die Choräle für ihren Bedarf ins Schleifer Sorbisch übersetzt. Das ist eine eindrucksvolle Mischung aus der obersorbischen Schriftsprache und dem Schleifer Sorbisch. Auch die Schleifer Kantorki haben in ihren Gesangsvorlagen in der Osternacht immer auch Schleifer Sprachelemente in obersorbischen Texten gehabt – neben den bekannten, rein Schleifer Chorälen. Die alten Menschen freuen sich, wenn sie zum Beispiel den 23. Psalm lesen können, den sie als Konfirmanden beim sorbischen Pfarrer im Konfirmandenunterricht in ihrem Dialekt gelernt hatten, der ihnen jetzt wieder für eine Andacht zu Hause zur Verfügung steht. Und es ist für sie wie Balsam für die Seele, wenn die sorbische Pfarrerin zu ihnen kommt und mit ihnen zusammen im Schleifer Sorbisch betet und singt.

Wird das neue Gesangbuch jetzt anstelle des bisherigen obersorbischen bei den sorbischen Gemeindenachmittagen und anderen sorbischen kirchlichen Veranstaltungen in Schleife zum Einsatz kommen?

Das hoffen wir und deshalb haben wir das Buch auch vorbereitet. Wer im Schleifer Sorbisch singen und beten möchte, der hat jetzt die Grundlage dafür vorliegen. Wir wünschen uns, dass dieses Buch bei jeder Gelegenheit zum Einsatz kommt.

Ist das neue Gesangbuch auch für Interessenten außerhalb des Schleifer Kirchspiels gedacht?

JK: Das Schleifer Gesangbuch ist nicht in erster Linie für die überregionale Nutzung gedacht, sondern es soll die Trojka aus Schleifer Kirche-Schleifer Tracht-Schleifer Sorbisch wieder zusammenbringen. Es ist ein Ergebnis unserer Vereinsarbeit explizit für den Bedarf im Schleifer Kirchspiel. Aber vielleicht finden sich Interessenten für diese Publikation zum Beispiel aus dem soziolinguistischen Bereich. Dann entspricht das ebenfalls unserem Ziel, die kleine, aber noch lebendige Mundart zu dokumentieren, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und Einblicke in die tiefe Verbundenheit des Schleifer Sorbisch mit der Kirche zu vermitteln. Die Sprache und die Religion haben hier immer eine untrennbare Einheit gebildet.

Wann und wo wird das neue Gesanbuch öffentlich übergeben?

HH: Die Übergabe des Buches “Něnter comy Boga chwaliś – Slěpjańske spiwarske knigły” findet am 25. Januar 2020 um 16 Uhr in der Schleifer Kirche statt. Als Sänger des Kólesko-Vereins stellen wir Choräle aus jedem Kapitel vor, und bestimmt werden wir Gott im schönen Schleifer Sorbisch auch gemeinsam mit den Gläubigen preisen. 

Herzlichen Dank Ihnen beiden für das Gespräch, Gratulation zu dem neuen Buch und weiterhin viel Kraft für alle Bemühungen um die sorbischen Traditionen des Schleifer Kirchspiels.

Die Fragen stellte Trudla Mahling.


Projekte

Musikalische Weihnachtsgrüße des Vereins Kólesko

1. Platz beim Wettbewerb der Weihnachtsgrüße im Dreiländereck - Bogatynia 2021

Schleifer Gesangbuch - Kirchenlieder, Psalmen und Gebete

Durch die Aufarbeitung historischer Quellen einerseits und der Textübersetzungen von ober- und niedersorbischen Chorälen ins Schleifer Sorbisch andererseits wurde eine Sammlung von 50 Liedern zusammengestellt und damit die Dokumentation einer fast ausgestorbenen Regionalsprache durch den Verein Kólesko fortgesetzt.

Das Ostersingen

Durch die Frauengesangsgruppe Slěpjańske kantorki wurde 1992 ein tief religiöser Brauch wieder belebt, der Mitte der 50er Jahren in unserem Kirchspiel zwar verschwand aber im Bewusstsein der wendischen Einwohner stets haften blieb.

Gesangs- und Musikgruppe

Anknüpfend an die Herausgabe des Schleifer Liederbuches wurde im Jahr 2012 eine Vokalgruppe ins Leben gerufen, mit dem Ziel die gesammelten Schleifer Volkslieder in ihrer ursprünglichen Art und in ansprechender künstlerischer Qualität einem breiten Publikum darzubieten. Bald kamen Musiker hinzu, um die Sänger zu begleiten.

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