Sprachdokumentation Schleifer Sorbisch


Fotos: Hanka Šěnec - Hana Schön

Die eigene Sprache kann als das entscheidende Merkmal der Minderheitsidentität angesehen werden. Die Anwendung der eigenen Sprache ist Symbol der Zusammengehörigkeit von Menschen in einer Gruppe bzw. in einem Siedlungsgebiet. Sie fungiert als Verbindungsglied zwischen den Menschen und stärkt deren Selbstwertgefühl. Das Resultat dieses gestärkten Selbstbewusstseins ist die Ausbildung von Stolz auf die eigene Kultur und die damit verbundenen Traditionen.

Der Verlust der eigenen Sprache stellt einen wesentlichen Bestandsteil dar, der zum Verlust der eigenen Identität führt.

Insbesondere in der DDR-Zeit wurde durch die verantwortlichen Funktionäre der SED und der Domowina in Schleife die Obersorbische Sprache als Schullehrfach favorisiert und durchgesetzt. Die Folge war, dass ausschließlich Obersorbisch sprechende Sorbischlehrer eingesetzt wurden, die das Schleifer Sorbisch als minderwertigen Dialekt oder als schlechtes Sorbisch darstellten. Dies wiederum hatte zur Folge, dass sich die älteren Generationen in den noch vorhandenen Großfamilien, die eigentlich als Bewahrer und Überlieferer der Sprache und Traditionen fungieren sollten, sich diesem Trend völlig verweigerten. Den Kindern entzogen sie  die Anwendung für das in der Schule erlernte Obersorbisch aber auch, um Streit aus dem Weg zu gehen, wechselte man in den Familien zu Deutsch.

Der Rückgang des in den Familien gesprochenen Schleifer Sorbisch war äußerst dramatisch. Dieser Trend wurde durch ungebremsten Zuzug von deutsch sprechenden Arbeitern, der durch den fortschreitenden Tagebau und die Industrialisierung (Glasindustrie, Kraftwerke, Tagebaue) ausgelöst wurde, noch verschärft. Die sorbische Sprache wurde durch die Zuwanderer als Symbol von Rückständigkeit und Armut angesehen und lächerlich gemacht. Die Folge war wiederum die weitere Vernachlässigung der eigenen sorbischen Sprache im Kirchspiel Schleife. Die deutsche Sprache verdrängte nach und nach das Schleifer Sorbisch, da eine Assimilation der Zuwanderer in der Größenordnung nicht möglich war und Deutsch als modern und fortschrittlich galt.

Diesem Trend wurde auch nach der Wende 1990 leider nicht entgegengewirkt. In den Kindereinrichtungen, sowie in der Schleifer Schule wurden zwar Bemühungen unternommen, das Sorbisch wieder zu beleben, jedoch wurde weiterhin Obersorbisch gelehrt.

Der derzeitige Stand ist, dass das Schleifer Sorbisch aus dem ohnehin minimalen Alltagsgebrauch fast völlig verschwunden ist.

Die bisherigen Bestrebungen, das Schleifer Sorbisch als Kulturerbe zu bewahren, fundieren ausnahmslos auf die wenigen, überlieferten handschriftlichen Quellen, auf Archiv-Tonaufnahmen der 50er Jahre und das Zurückgreifen auf Muttersprachler unserer Region.

Da gerade diese verbliebenen Kulturerbe-Träger ausschließlich der ältesten Generation zugehörig sind, wird in Zukunft die Basis fehlen, die Schleifer Sorbisch noch als Muttersprache fließend sprechen können. Seit den 1960er Jahren ist ein kontinuierlicher Rückgang des Sprachgebiets zu verzeichnen. 

Um dem Verschwinden des Schleifer Sorbisch entgegenzuwirken, hat es sich der Verein Kólesko zur Aufgabe gemacht, durch die unterschiedlichsten Publikationen die Sprache zu dokumentieren und dem Interessierten Hilfsmittel und Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, die ein (Wieder)erlernen des Schleifer Sorbisch ermöglicht. 


Zejler Preis 2018

Als Anerkennung für die bisher geleistete Arbeit hinsichtlich der Revitalisierung des Schleifer Sorbisch im Kirchspiel Schleife wurde der Zejler-Preis 2018 für sorbische Sprache des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst an unsere zwei Vereinsmitglieder Juliana Kaulfürst und Dieter Reddo verliehen.

Dieser Preis prämiert seit 2014 alle zwei Jahre herausragende oder beispielhafte Leistungen auf dem Gebiet des Erwerbs, des Gebrauchs sowie der Vermittlung der sorbischen Sprache.

Die Übergabe des dritten Zejler-Preises erfolgte am 21. September 2018 durch die Kunstministerin Dr. Eva-Maria Stange im Rahmen eines Festaktes in der Klosterkirche und Sakralmuseum St. Annen in Kamenz. Die musikalische Umrahmung gestaltete die Folkloregruppe des Vereins Kólesko.


Laufende Projekte

  • Mitarbeit am Forschungsvorhaben des Sorbischen Instituts e.V. Bautzen: Digitales Informationsportal zu sorbischen Sprachlandschaften - „Sprachlandschaft Schleife“ 
    Realisierungszeitraum: 2 Jahre
    Dieses Projekt wird in Verantwortung des Sorbischen Instituts, aber in enger Zusammenarbeit mit dem Verein Kólesko e.V. umgesetzt. Bereits im Dezember 2017 schlossen das Sorbische Institut und der Verein Kólesko einen Kooperationsvertrag. Danach gewährt das Sorbische Institut konzeptionelle und technische Unterstützung bei der Sammlung von Wortschatz des Schleifer Sorbisch. 

Realisierte Projekte

  • Dokumentationen des Schleifer Sorbisch an Hand von Liedtexten und Sagentexten des Kirchspiels Schleife, sowie der sich daran anschließenden Herausgabe des „Schleifer Liederbuches – Slěpjański spiwnik“ (2013) und des „Schleifer Sagenbuches – Slěpjańske ludowe powjesći“ (2018).
  • Digitalisierung und Aufarbeitung der Sammlung von Hanzo Šymko (Slěpe) aus dem Jahr 1884 „Stare lube kĕrluški Slepjanskeje wosady – Alte liebe Kirchengesänge der Schleifer Kirchgemeinde“ (2014)
  • Übersetzung von weiteren kirchlichen Chorälen ins Schleifer Sorbisch aus ober- und niedersorbischen Vorlagen, sowie der Herausgabe des „Slěpjańske spiwarske knigły – Schleifer Gesangbuch“ Ende 2019
  • Mit-Autorenschaft und Herausgabe des Wörterbuches „Kak to jo było, 1000 Slěpjańskich słowow – Wie es einmal war 1000 Wörter Schleifer Sorbisch“ in Zusammenarbeit mit dem Njepila-Hof Rohne e.V
  • Digitalisierung von bereits vorhandenen Wortsammlungen
  • Archivrecherchen


Projektzeitraum

seit 2002


Mitwirkende

Durchführende:Juliana Kaulfürst, Hartmut Hantscho
Projektpartner:Dr. Hync Rychtaŕ, Regionalverband der Domowina Weißwasser/Niesky, Sorbisches Institut Cottbus/Bautzen

Presseartikel zum Projekt

Lausitzer Sorben profitieren vom Kohleausstieg

Lausitzer Rundschau / moz.de11. Februar 2019

Ungleiches Duo kämpft für Schleifer Dialekt

Lausitzer Rundschau23. September 2018

Die Preisträger geben ihre Begeisterung weiter

Laudatio: Božena Braumanowa und Andrea Paulik21. September 2018